3.06.2001 ky zum Sonntag Weiße Finger an kühlem Stahl - Gewichtheber erdreisten sich zu tun, was Schiller uns verbot: die Götter in Versuchung führen Horst Bosetzky Seit ich an der Bandscheibe operiert worden bin, tut mir diese schon beträchtlich weh, wenn ich auf dem Flugplatz einen Koffer von 20 kg auf die Waage hebe, und anschließend genieße ich das erhebende Gefühl, mich überhaupt noch aufrecht bewegen zu können, der Weltrekord in meiner Gewichtsklasse liegt aber im Reißen bei 183 kg, also fast vier Zentnern. Mit 79 kg Lebendgewicht falle ich in die Kategorie Leichtschwer, was ebenso komisch klingt wie: "Mein Badewasser ist heißkalt." Es beginnt mit dem Fliegengewicht, wo man nicht mehr als 52 kg wiegen darf. Solch eine Fliege hat einmal auf deutschem Boden einen Weltrekord gehoben: nämlich Iwan Iwanow aus Bulgarien mit 155,5 Kilo. Im Jahre 1991 in Donaueschingen. Was die schwersten Männer betrifft, das Superschwergewicht (über 110 kg/ab 1993 über 108 kg), so haben die Deutschen hier mit Josef Straßberger (Olympiasieger 1928, Europameister 1929) und Josef Manger (Olympiasieger 1936, Weltmeister 1937 und 1938 und Europameister 1935) zwei längst vergessene Heroen aufzuweisen. Dazu kommt noch Rudolf Ismayr mit seiner Goldmedaille im Mittelschwergewicht, erhoben 1932 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles. O-Ton aus einem Olympia-Album 1936: "... als schließlich die letzten Entscheidungen, der Kampf der Mittel- und Schwergewichte auf dem Programm standen, war der imposante Bau der Deutschlandhalle bis auf den letzten Platz gefüllt. Seinen ganz besonderen Ausdruck und gewissermaßen seine verdiente Ehrung erhielt dieser Tage und damit die Schwerathletik durch die Anwesenheit des Führers, der es erleben konnte, dass Manger im Schwergewicht die goldene und Ismayr im Mittelgewicht die silberne Medaille für Deutschland erkämpften." Danach gab es für die Deutschen dank ihres Führers erst einmal anderes zu heben: Sand aus den Schützengräben und den Gräbern, Steine aus den Trümmern. Erst 1983 gibt es mit dem Leichtgewichtler Joachim Kunz (Deutschland-Ost) wieder einen deutschen Welt- und Europameister, 1978 wird Rolf Milster (Deutschland-West) Weltmeister im Mittelschwergewicht und ein Jahr später auch Europameister, und 1984 in Los Angeles erhebt sich der Mittelgewichtler Karl-Heinz Radschinsky (Deutschland-West) die Goldmedaille. Die 90er Jahre bringen uns Hebergrößen wie Ronny Weller (Olympiasieger 1992 im "Zweiten Schwergewicht", Weltmeister 1993 im Superschwergewicht und Silber 2000 in Sydney) und Manfred Nerlinger (Europameister 1993 im Superschwergewicht) und im Augenblick schwärmt alles von Marc Huster. Das Vorbild aller Gewichtheber ist natürlich Herr Kules, der berühmte Kraftprotz aus Filmen wie "Der Tod eines Hantelreißenden". Früher gab es neben dem Reißen und Stoßen auch noch das Drücken, seit aber die Drücker mit ihren Kolonnen als etwas anrüchig gelten, hat man darauf verzichtet. Friedrich Wilhelm Berger aus Abentheuer im Hunsrück war Anfang des Jahrhunderts in dieser Übung so oft Deutscher Meister, dass er in unseren Sprachschatz eingegangen ist (siehe Drückeberger). Tante Mulle und ich sitzen vor dem Fernseher und sehen uns die Heber an. Wir konzentrieren uns auf unseren Liebling, auf Viril Wutzke vom KSV Hochstrecken. Er schnallt sich einen breiten Ledergürtel um die Lenden und wird abfrottiert. Dann sprayt ihm sein Trainer irgend etwas in die Nase. Danach pumpt er seine Muskeln auf und sieht so weltentrückt aus wie ein Philosoph, der gerade den Sinn des Nichtseienden zu ergründen sucht. Tante Mulle freut sich schon. "Gleich fasst er wieder in die Kiste mit dem Mehl." Sie meint das Magnesium, das gut ist gegen schwitzende Hände. Ein Signal ertönt, ein Ton wie in der Röntgenkabine. Auf geht's! Viril Wutzke betritt nun die Bühne, wo die Hantel mit den roten Scheiben drohend auf den Brettern liegt, wie festgeschraubt. Beifall brandet auf, während er seine Kniebandage zum letzten Mal zurechtrückt. 175 kg hat er auflegen lassen. Drei Versuche hat ein Heber, aber nicht etwa wie ein Hochspringer pro aufgelegter Höhe, sondern für den gesamten Wettkampf. Wie er sich die einteilt, ist die hohe Wissenschaft der Taktik. Bringen mehrere Kämpfer dieselbe Last zur Hochstrecke, wird der zum Sieger ausgerufen, der weniger wiegt. Unser Held hier und heute schließt die heißen und vom Magnesium so weißen Finger um den kalten Stahl. Allein ist er nun und erdreistet sich, das zu tun, was schon Schiller uns verbietet: "Der Mensch versuche die Götter nicht", die ihm hier in Form der Schwerkraft gegenübertreten. Hic Rhodus, hic salta. Alle Kraft und aller Wille ist in die Sekunde zu fokussieren, wo er die Hantel vom Boden reißt. Sie ist sein großer Feind. Er pumpt noch einmal Sauerstoff in die Lunge, und die Anstrengung scheint ihn schier zu zerreißen, als er das gewaltige Gewicht nun über Kopf und Schultern wuchtend und mühsam fixiert, noch in der Hocke. O Gott, die Knie. Da müssen alle Bänder reißen. Sie tun es nicht, und er kommt aus der Hocke hoch, die Hantel zur Hallendecke gestreckt. Noch ist er nicht am Ziel, noch taumelt er, macht kleine Schritte zur Seite und nach hinten, mitgerissen, soll alles gültig sein. Endlich steht er still wie aus Granit gemeißelt und die drei Lampen, dass er es geschafft hat, leuchten auf. Mit einem Urschrei springt Viril Wutzke in die Luft und macht in der Luft strampelnd Schritte. "Wusch" und "Wou" schreien seine Fans. Dann sinkt er zu Boden und liegt schwer atmend auf dem Rücken, alle Viere von sich gestreckt, während der "eurosport"-Reporter davon spricht, dass er noch einige "technische Defizite" aufzuweisen habe. "Gold gibt's nun mal nicht im Sommerschlussverkauf", fügt er hinzu. "Hebst du mir bitte mal mein Taschentuch auf", sagt Tante Mulle. Fünf Gramm mag es wiegen. Doch als ich es hochreiße, durchzuckt mich ein heißer Schmerz. Die Bandscheibe. "Haben Sie sich irgendwie verhoben?", fragt der Arzt am nächsten Tag. Horst Bosetzky ist unter dem Kürzel -ky der erfolgreichste deutsche Krimiautor und gemäß Selbsteinschätzung ein Sportverrücker. Am ersten Sonntag eines jeden Monats macht er sich im (Berliner-) Tagesspiegel Gedanken über Gott, die Welt und den Sport. . . Anmerkung des WWW-Autors: Wie Herr Bosetzky mir im Januar dieses Jahres brieflich mitteilte war er "... im letzten Jahrzehnt schon zweimal in Ihrem schönen Ort und seiner Nähe..." Weiter heißt es in seinem Brief: " und wenn ich an den Ortsnamen denke, gerate ich immer wieder in Versuchung, ihn in irgend einen Text einzubauen, so schön ist er. Das war dann wohl auch bei der Kolumne über das Gewichtheben der Fall, und so habe ich den Drücker Friedrich Wilhelm Berger, den es real natürlich nicht gibt, einfach bei Ihnen angesiedelt. Es war, ich schwöre Ihnen, wirklich nicht bös gemeint, und ich hoffe vielleicht ein wenig Werbung für Sie gemacht zu haben. (Die 50 Sportkolumnen werden im Herbst dieses Jahres auch bei dtv als Taschenbuch erscheinen)" . . Wer mehr über den Krimiautor Horst Bostzky wissen möchte dem empfehle ich den Link http://www.horstbosetzky.de |